Über uns

Präambel

Wir wollen keinen langweiligen Einheitsbrei – wir wollen alle Früchte! Das war das Ziel, das wir uns 2014 bei einem Fruchtsaft in einem wiesbadenener Café gesetzt haben.  Nachdem wir es nun über zwei Jahre geschafft haben unserem Gusto treu zu bleiben, haben wir eine große Schüssel von vielfältig buntem Obstsalat vor uns. Natürlich schmeckt manchmal die Mango etwas deutlicher und die Zitrone mag hin und wieder auch etwas bitterer sein, aber auch das spiegelt uns wieder. Viel Spaß beim Lesen unseres Selbstverständnisses!

„Die KI:Wis“ im Frühjahr 2017 – Fruchtig – Sauer!

Selbstverständnis „Kritische Intervention Wiesbaden“ 

Wir haben uns im Sommer 2014 mit dem Anspruch zusammengeschlossen, politisch Interessierten eine Anlaufstelle in Wiesbaden dafür zu bieten, sich mit emanzipatorischen Inhalten auseinanderzusetzen und sich auszutauschen. Seitdem verstehen wir uns als eine Gruppe, in der wir uns nicht nur in unseren Lebensphasen, sondern auch in den politischen Denk- und Handlungsansätzen ergänzen. Dementsprechend ist es uns wichtig, dass wir uns nicht immer nur in einer feststehenden Gruppenmeinung gegenseitig bestätigen, sondern uns durch einen fortlaufenden Diskussionsprozess reflektieren, um Themen gemeinsam zu erarbeiten und diese auch in politische Praxis umzusetzen. Dabei gibt es für uns politische Selbstverständlichkeiten, welche wir vertreten und die für uns die Grundlage sind. Diese sind jedoch gesellschaftlich gesehen  keine Selbstverständlichkeiten und daher die Motivation für unser Handeln. Als antifaschistische Gruppe werden wir es nicht unwidersprochen hinnehmen, dass Menschen Erfahrungen der Unterdrückung und Benachteiligung machen müssen. Verschiedene Formen der Diskriminierung wollen wir dabei auch in ihren jeweiligen Kontexten betrachten. Wir fragen nach ihren gesellschaftlichen und gerade auch kapitalistischen Zusammenhängen und unterziehen diese einer radikalen Kritik. 

Da auch in Wiesbaden viele alltagspolitische Themen kritisch begleitet werden sollten und entschlossene Interventionen notwendig sind, war der Gruppenname schnell gefunden: Wir sind die Kritische Intervention Wiesbaden, kurz KI:Wi.

 

In den Berichterstattungen der letzten Jahren scheint es, als würde jede große Krise von der nächsten abgelöst werden. Trotzdem schafft es der Kapitalismus, sich durch immer absurdere Formen am Leben zu erhalten, immer absurdere Formen des gleichen Prinzips – Wachstum und Verwertungslogik. Eine Dynamik aus Glücksversprechen und Abstiegsangst treibt jede*n von uns an mitzumachen. Täglich beuten wir uns selbst in einem Konkurrenzkampf aus, den keine*r gewinnen kann. Der Markt ist zwar ein soziales Konstrukt, jedoch durchsetzt das kapitalistische System jeden gesellschaftlichen Bereich. Alles, auch die zwischenmenschlichen Beziehungen und Körper werden zur Ware und somit vom Markt bestimmt. Es ist unmöglich, sich dem als Einzelne*r zu entziehen, da jedes Individuum von diesem System abhängig ist. Deshalb scheint es für viele, als seien der Kapitalismus und seine Begleiterscheinungen alternativlos – beinahe „naturgegeben“. Wir denken dagegen, dass die Werte des Marktes nicht die Werte einer freien, emanzipatorischen Gesellschaft darstellen können und dürfen. Radikale Kapitalismuskritik bedeutet für uns, dass wir den Kapitalismus als Gesellschaftssystem grundsätzlich für ungeeignet halten, da er Hierarchien, Ausgrenzung und Konkurrenz, sowie auch Wirtschaftszusammenbrüche unvermeidbar aus seiner eigenen Struktur heraus produziert. 

Kritik daran ist notwendig, aber sie darf nicht verkürzt sein und nicht darauf abzielen, einen Sündenbock zu finden. Sie muss die Strukturen analysieren, die unserer Vergesellschaftung zugrunde liegen. Mit den leider populär gewordenen Erklärungsmodellen der Verschwörungstheoretiker*innen können und dürfen wir uns nicht zufrieden geben. Denn das Bild der „strippenziehenden Krakenheuschrecke“, welches quer durch alle politischen Lager gemalt wird, erinnert nicht nur zufällig an nationalsozialistische Propaganda, sondern steht in deren Tradition. Diese strukturell antisemitischen Phantasien finden sich beispielsweise in Parolen gegen „die Banker“ und bedienen auch heute noch das Bedürfnis vieler, einen klaren Feind zu konstruieren, der sie von den komplexen und unkontrollierbaren Mechanismen des kapitalistischen Systems ablenkt. Doch genau diese wahnhafte Idee führte bereits einmal in das beispiellose Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Shoah. Die Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passiert, liegt bei jeder*jedem Einzelnen.

Daher ist ein weiterer Hauptaspekt unserer politischen Arbeit die klassische Antifa-Arbeit, welche sich kompromisslos gegen faschistische und rechtspopulistische Strömungen und Ideologien wendet. Keineswegs aber sind menscheinfeindliche Weltanschauungen und gewaltvolle Ausgrenzungsmechanismen nur bei sich offen als rechts positionierenden Gruppierungen und Personen zu finden, sondern gerade auch in der vermeintlichenMitte“ der Gesellschaft. Verschiedene Formen der Diskriminierung sind fest mit der vorherrschenden Gesellschaftsordnung verknüpft, sodass diese sich auch in den Köpfen der Menschen widerspiegelt und in ihrem alltäglichen Leben reproduziert. So findet strukturelle Ungleichbehandlung nach wie vor auch auf institutioneller Ebene, wie in Schulen, Behörden und der Justiz statt. Am Komplex des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ lässt sich beispielsweise erkennen, wie aufgrund rassistischer Stereotype lange Zeit einseitig ermittelt wurde und Opfer zu Tätern gemacht wurden. Aus der Selbstenttarnung des NSU folgte die Gewissheit der Existenz rechtsterroristischer Strukturen, aus denen heraus über Jahre hinweg zahlreiche Morde verübt wurden. Doch dies sorgte nicht für die notwendige Reflexion auf die weiterhin wirksamen gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen, sondern leistete vielmehr einer weiteren Verdrängung Vorschub. Daher sind eine theoretische Analyse und eine Kritik an den bestehenden Verhältnissen enorm wichtig, um in die gesellschaftlichen Geschehnisse einzugreifen und und sich regressiven Tendenzen konsequent entgegenstellen zu können.

Dass Versatzstücke von rechten Ideologien schnell mehrheitsfähig werden können, ist auch an der Welle von neu aufflammendem Nationalismus in Form des sog. Partypatriotismus auf Fanmeilen oder an den Fahnenmeeren auf „Pegida“-Aufmärschen zu sehen. Dieser Rechtsruck konnte wiederum schnell institutionalisiert werden, sodass die AfD sich fest in Parlamenten verankern konnte. Die aufgehetzte Stimmung und der enttabuisierte Nationalismus schlugen schnell in Gewalt gegen vermeintliche „Nichtdeutsche“ um. Auch die menschenverachtende Debatte um geflüchtete Menschen spiegelt diese gesellschaftliche Stimmung quer durch die Bank und durch alle Parteien wieder. Wir dagegen erklären uns solidarisch mit Geflüchteten, ihren selbstorganisierten, emanzipatorischen Projekten, sowie mit Gruppen, die sich für die Interessen der Geflüchteten einsetzen. Außerdem gilt es sowohl die Abschottung der Festung Europa“ und die unmenschlichen Verschärfungen des Asylrechts als auch die schlechte Versorgung, die eingeschränkten Rechte und den fehlenden Schutz der Geflüchteten in Deutschland zu kritisieren.

In der gesellschaftlichen Debatte über die Gleicheit von geschlechtlichen Identitäten spiegeln sich ebenfalls menschenverachtende Denkmuster wieder. In patriarchalen Strukturen dieser und anderer Gesellschaften sind insbesondere Frauen die Leidtragenden sexistischen Denkens. Sie werden ihrer Rechte beraubt und in ihren Freiheiten massiv eingeschränkt. Ob die Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter als gott- oder staatsgegeben dargestellt wird, ist uns dabei egal, es gilt sie zu kritisieren und zu überwinden. Diese Klassifizierung von als „natürlich“ empfundenen Geschlechtern führt dazu, dass alle alsnicht-männlich“ undabweichend“ Wahrgenommenen abgewertet und angegriffen werden, da sich die patriarchalen Strukturen nur so reproduzieren können. So schränken Gendernormen und – zuschreibungen alle auf unterschiedliche Weise ein. Stattdessen sollte es jedoch darum gehen, die eigene Identität – auch die sexuelle –  selbst bestimmen und ausleben zu können. Dass dies in unserem Alltag nicht uneingeschränkt möglich ist, bestärkt uns nur noch mehr darin, für einen radikalen Bruch  zu kämpfen. 

Auf dem Weg zu einer egalitären und solidarischen Gesellschaft freier Individuen gilt es, die vorhandenen Widersprüche des politischen Alltags zu reflektieren, um eine antiautoritäre und autonome Arbeit leisten zu können. Somit lässt sich die politische Praxis für uns nie von der Theorie trennen. In derAustauschbarsetzen wir uns mit aktuellen Themen, historischen Entwicklungen sowie mit politischen Grundsatzfragen auseinander. Dabei wollen wir uns und anderen die Möglichkeit bieten, sich politisch zu bilden und auszutauschen. Je nach Thema und Laune veranstalten wir im Rahmen derAustauschbarVorträge, Mobi-Veranstaltungen, Filmvorführungen oder auch hin und wieder gemütliche Treffen. Daher ist immer genug Raum für Diskussion und offenen Austausch vorhanden. Wir wollen die Hürden für den Einstieg in linke Politik damit möglichst klein halten, um auch für Menschen, die von geschlossenen und vermeintlich elitären Gruppenstrukturen abgeschreckt sind, offen zu sein. Denn auch öffentlicher Raum wird zunehmend durch wirtschaftliche und politische Interessen eingeschränkt, mit Repressalien überhäuft und im Sinne des Schlagwortes Gentrifizierung umgewandelt. Dabei lassen sich die Ebenen nicht immer strikt voneinander trennen, da das kapitalistische Wirtschaftssystem und der Nationalstaat zusammenwirken und ineinandergreifen. Dies zeigt sich auch in stadtpolitischen Auseinandersetzungen. So wird  gemeinschaftliches Zusammenleben erschwert und der Kampf um Freiräume immer wichtiger. Sich mit der Stadt, ihrer Geschichte und ihren Menschen zu beschäftigen, ist für uns essentiell, um den öffentlichen Raum zurück zu erkämpfen. Gerade die Beschäftigung mit Wiesbaden im Nationalsozialismus darf dabei nicht nur zur Begründung eigener politische Forderungen herangezogen werden. Unsere Pflicht ist es, die Erinnerung in stetiger Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auch unabhängig von aktuellen Fragen wachzuhalten.  Deshalb setzen wir uns für eine aktive Erinnerungspolitik ein

, welche einen reflektierten und kritischen Umgang mit der Stadtgeschichte fördert. Dabei ist es uns auch wichtig, die Erinnerungen aus dem Museum auf die Straßen zu bringen, beispielsweise durch interaktive Stadtrundgänge.

Gemeinsam stehen wir auf unterschiedlichsten Ebenen für unsere Werte ein. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Vernetzung mit anderen (emanzipatorischen) Gruppen voranzutreiben, um gemeinsam politische Ziele besser durchsetzen zu können. Durch zielgerichtete Aktionen wollen wir die politischen Gewässer – in Wiesbaden und auch über die Grenzen der Stadt hinaus – in Wallung bringen. 

Unser Selbstverständnis spricht euch an und ihr habt Lust selbst aktiv zu werden oder ihr seid eine Frucht die uns noch fehlt? Dann sprecht uns an, bei der Austauschbar oder den Infoständen die wir regelmäßig in verschiedensten Locations in Wiesbaden machen.

Antifa, Gentrifizierungskritik, Refugees, Antirassismus, Bleiberecht, Antikapitalismus, Antisemitismus-kritik, Antisexismus, Wiesbaden, Adorno-Marx-Hegel