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Die Toten kommen … nach Wiesbaden

Wir dokumentieren und analysieren hiermit die Aktion „Die Toten kommen … nach Wiesbaden“ für die Öffentlichkeit. Am späten Abend des 30. Juni 2015 sind in Wiesbaden, wie auch in anderen Städten zuvor, mehrere symbolische Grabstätten aufgetaucht. Die Gräber wurden mit Kreuzen mit der Aufschrift „Grenzen töten“ sowie mit einer Hinweiskarte mit dem Text: „Dies ist ein symbolisches Grab, zum Gedenken an alle Toten, die auf der Flucht vor Verfolgung, Krieg und Hunger an den europäischen Grenzen ihr Leben lassen.“ versehen.

Die Orte, die hierfür gewählt wurden, lassen zum einen darauf schließen, dass eine kritische Öffentlichkeit erreicht werden soll. Zum anderen sind die Gräber am Landtag und am Innenministerium ein Aufzeigen der Mitverantwortlichen für die katastrophalen Verhältnisse Flüchtender im Mittelmeerraum. Wir befürworten diese Aktion, die eine berechtigte Kritik an der EU-Grenzpolitik darstellt. Vor allem die Politik Deutschlands treibt die Abschottung Europas maßgeblich voran.

Täglich versuchen Menschen aus verschiedensten Teilen der Welt, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und nach Europa zu flüchten. Nach einer zum Teil monatelangen Flucht quer durch Kontinente, die nicht selten durch Verfolgung, Überfälle und staatliche Willkür erschwert und behindert wird, stehen die Flüchtenden vor dem Mittelmeer, das aufgrund der europäischen Grenzpolitik der Abschreckung und Abschottung nur auf illegalem Wege und oft nur durch die Unterstützung von Fluchthelfer*innen / Schleuser*innen zu überqueren ist. Hier zieht sich die europäische Politik aus der Affäre, die jahrelang z.B. an Waffenlieferungen an destabilisierte Regionen verdiente, aber nun eine Grenzschutzagentur einsetzt, die durch Repression die vor selbigen Waffen Flüchtenden davon abhalten soll, europäischen Boden zu betreten. Es werden Fluchthelfer*innen zu kriminellen Schleuser*innen erklärt, die angeblich nicht seetaugliche Boote zu horrenden Preisen vergeben würden. Dass Frontex selbst aktiv wird und Booten zum Beispiel den Treibstoff ablässt und diese so aktiv in eine lebensbedrohliche Situation bringt, wird verschwiegen.

Besonders perfide ist hierbei die Rolle Deutschlands, das sich hinter „Dublin III“ versteckt und weiter die Politik der Abschottung maßgeblich vorantreibt. So kann aus „sicherer Entfernung“ das Leid der Menschen im Mittelmeer verdrängt werden, da wir in Mitteleuropa nicht mit ansehen müssen, wie sich Tote an den Stränden sammeln, die Opfer eben dieser Politik der Abschottung werden. Hier wirkt es noch zynischer, dass nach dem Untergang mehrerer Boote im Frühjahr 2015 eine sogenannte „Rettungsmission“ beschlossen wurde, die eine weitere Militarisierung und Verstärkung von Frontex bedeutet.

Deutschland und die EU ignorieren in trauriger Konsequenz ihre eigenen moralischen Grundsätze. Die Flüchtenden finden sich nach ihrer überstandenen Überfahrt in menschenunwürdigen Auffanglagern wieder oder werden nach ihrem qualvollen Tod auf See in anonymen Massengräbern in Südeuropa „verscharrt“. Da die EU nicht in der Lage ist, den Menschen, an deren Verfolgung sie verdient, ein letztes Stück Respekt entgegen zu bringen, finden wir es wichtig, den Toten auf andere Weise zu gedenken. Der symbolische Akt, auf Straßen und Plätzen Gräber auszuheben, ist zum einen eine Würdigung der Toten, ein letzter Versuch, diesen Menschen ein wenig Respekt entgegen zu bringen. Zum anderen wird ein Signal gegen das Vergessen unserer Verantwortung gesetzt.

Wir nehmen diese Aktion zum Anlass, unsere Forderungen an die europäische Politik zu unterstreichen. Flucht ist kein Verbrechen. Wir fordern den sofortigen Stopp der Illegalisierung der Flüchtenden und der Repression an den Außengrenzen der Festung Europa!

Das Kreuz als Symbol auf den Gräbern muss hierbei noch kritisch beleuchtet werden. Natürlich handelt es sich bei dem Kreuz um ein christliches Symbol, das hier vermutlich gewählt wurde um klar zu stellen, dass es sich um eine Grabstelle handelt. Die Flüchtenden haben verschiedenste (oder auch keine) religiöse Weltanschauungen und kein Grab sollte unreflektiert und vereinnahmend mit religiösen Symbolen geschmückt werden. Ziel der Aktion ist unserer Auffassung nach allerdings nicht nur, den Individuen zu gedenken, sondern auch, eine breite Masse der Gesellschaft mit den Realitäten dieser Tode zu konfrontieren. Das Kreuz ist hier ein stilistisches Hilfsmittel, das eben unmittelbar verstanden wird.